Miniaturen in Brettspielen

Lese Zeit: 8 Minuten

In den letzten Jahren gab es eine wahre Schwemme von Spielen, die mit mehr oder weniger gut modellierten Miniaturen bestechen wollten. Vor allem das Genre der Dungeon-Crawler, aber mittlerweile auch eine ganze Reihe anderer Brettspiele haben sich darauf verlegt, die Kundschaft durch häufig möglichst viele, oft auch möglichst spektakuläre und ausgefallene Miniaturen zu bezaubern und zum Kauf zu verführen.

Rollenspiele etwa nutzen seit Jahren Miniaturen und Spielfelder, obwohl die Geschichten im Genre ursprünglich eher in den Köpfen der Spieler Gestalt angenommen hatten. Pen & Paper war die ursprüngliche Spielweise: Ein Erzähler führte durch die Geschichte, die Spieler notierten ihre relevanten Werte und Ereignisse auf einem Blatt Papier. Damit konnte man als Hersteller allerdings nicht viel Geld verdienen. Heute hingegen kommt selbst bei RPGs kaum eine Spielrunde ohne Minis aus.

Und selbst Euro-Games warten mittlerweile mit Plastik-Miniaturen auf, wo früher einfache Holz-Meeples oder Kegeln genügt hatten.

Ein Spiel muss einfach schick sein, und dazu gehören heutzutage anscheinend Miniaturen.

Wozu?

Vitrine: Descent / Infinity

Ich selbst bin sehr anfällig für coole Minis, soviel sei vorweg schon mal gesagt. Wenn ein Spiel gute Figuren hat, schaue ich es mir zumindest schon mal gerne an.

Wie sinnvoll eine Miniaturen-Einbindung in jedem einzelnen Fall allerdings ist, lässt sich hinterfragen.

So gibt es sicherlich viele Spiele, bei denen die Verwendung von kleinen Figuren essenziell für das Spielerlebnis ist: Vor allem narrative Spiele können durch die Plastizität ihrer Komponenten einen deutlichen Mehrwert erzeugen.

Aber es gibt auch genügend Brettspiele, die sich mehr mit abstrakten oder globalen Themen beschäftigen, sodass es eigentlich keiner detaillierten Figuren bedarf, um das Spielerlebnis aufzuwerten; im Gegenteil, manchmal lenken Miniaturen vom eigentlichen Spiel dann sogar ab.

Wer zum Beispiel ernsthaft Schach spielt, wird sicher nicht zu einem mit allem möglichen Figuren-Schnickschnack überfrachteten Set greifen, sondern eher das klassisch abstrakte Design bevorzugen. Fantasy-Figuren im Schachspiel passen tendenziell eher nicht zu einem ernsthaften Schachspieler, wenn sie auch vielleicht toll aussehen.

Einige Spiele allerdings sind ohne Miniaturen völlig undenkbar: Miniaturenbrettspiele und Tabletop-Spiele.

Sie leben unter anderem vom cineastischen Eindruck, den die Spielfiguren entstehen lassen, sei es auf einem Spielbrett oder gar auf einem eigens für die Schlacht entworfenen und gebauten Gelände.

Um ein wenig mehr darüber nachzudenken, sehen wir uns mal ein paar Spiele, die Miniaturen enthalten, im Detail an:

Zombicide

Die Zombicide Reihe von CMON hat es geschafft, seit ihrer ersten Iteration eine starke Marke aufzubauen, die Spieler aller Couleur begeistert. Mittlerweile gibt es drei Hauptspielwelten, die alle auf dem selben Regelsystem aufbauen und sich nur marginal unterscheiden: Zombicide (das Original, spielt in der Gegenwart), Zombicide Black Plague (spielt im Fantasy-Mittelalter mit Orks und Geistern) und Zombicide Invader (die neueste Umsetzung, spielt in einem SciFi Setting mit Aliens statt der eigentlichen Zombies).

Auf einem modularen Spielbrett, das je nach gewähltem Szenario und Schwierigkeitsgrad mal größer und mal kleiner ausfällt, kämpfen sich die von den Spielern gespielten Helden durch immer größer und stärker werdende Horden von Zombies, bis sie letztlich entweder ihr Missionsziel erreichen und das Spiel gewinnen, oder sie verlieren, indem sie überrannt werden.

Diese Prämisse wird bedient durch a) detaillierte und individuell modellierte Heldenfiguren, welche die Spieler auf dem Spielfeld repräsentieren, und b) die Zombie-Horden, die sich im Basisspiel aus Walkern, Runnern und Fatties zusammen setzen.

Diese drei Zombie-Kategorien werden durch eine Unmenge an Miniaturen dargestellt, die sich aus wenigen unterschiedlichen Sculpts[1] zusammen setzen. Jeden Zombie einzeln zu modellieren wäre aus Designersicht weder wirtschaftlich machbar, noch spielmechanisch sinnvoll, weil es nur den Überblick über die spielrelevanten Kategorien erschweren würde.

Mit über 70 Figuren macht dieses Spiel Eindruck auf dem Spieltisch, vor allem, wenn mit der Zeit immer mehr auf dem Brett auftauchen. Ohne Miniaturen würde das Spiel seine komplette Atmosphäre einbüßen, hier gehören sie also eindeutig hin!

Middara

Ein anderes Spiel, das mich persönlich sehr beeindruckt, ist Middara von Succubus Publishing, ein rollenspiellastiger Dungeon Crawler mit komplett eigenständiger IP[2] und sehr starkem Schwerpunkt auf Story.

Auch hier gibt es eine große Zahl Heldenfiguren, die von den Spielern bedient werden können, und allerhand Monster und Getier, das diesen im Laufe des Spiels über den Weg läuft.

Im Vergleich zu Zombicide besteht dabei mehr Varianz, was die Miniaturen betrifft. Das liegt aber u.a. daran, dass diese Spielfiguren ganz andere Aufgaben im Spiel erfüllen und jede einzelne Figur auch eine viel stärker narrative Funktion übernimmt als etwa die Zombies in Zombicide.

Es ist ein Äpfel- und Birnen Vergleich, aber man kann feststellen, dass eine individuellere Funktion der Figuren oft auch mit individuelleren Sculpts einher geht.

Namenlose Zombies in Massen benötigen eben keine klaren Unterscheidungsmerkmale, zu viel Individualität wäre sogar eher kontraproduktiv. Wenn die Gegner aber einzeln, mit eigenen Namen und einer klaren Persönlichkeit auftreten, rechtfertigen sie auch eigene, klar unterscheidbare Figuren.

Es steht hierbei in meinen Augen jedenfalls fest, dass sich Miniaturen generell dazu eignen, die Immersion in ein Spiel grundsätzlich zu befördern.

Ein weiteres Spiel, das mich im letzten Jahr stark in seinen Bann geschlagen hat, bei dem die Miniaturen aber im Gegensatz zu den zuvor erwähnten überhaupt nicht hilfreich waren, war 7th Continent von Serious Pulp. Hier hat wohl das Kickstarter[3] Marketing Phänomen zugeschlagen, in dem ein Spiel vermeintlich oder tatsächlich dann mehr Backer[4] erntet, wenn es Miniaturen beinhaltet – egal, ob diese für das Spiel nötig sind oder nicht.

7th Continent

Warum aber waren sie bei 7th Continent nun meiner Meinung nach unnötig oder sogar eher hinderlich?

Dazu will ich vorerst kurz auf eine Alternative zu Miniaturen eingehen, die schon lange existiert, die in vielen Systemen auch einwandfrei funktioniert und die der Box in diesem Fall ebenfalls beilagen: Cardstock-Minis – also Figuren aus Karton, die meist in einem Plastikfuß stecken und so als aufrechte Figuren über das Spielfeld bewegt werden können. Sie werden meist farbig auf Karton gedruckt, grob ausgestanzt und sind in der Herstellung preiswert und effektiv.

Der Vorteil in der Herstellung liegt auf der Hand: eine Unmenge an Figuren kann zu ungleich günstigeren Konditionen hergestellt werden, als dies bei Plastikminis der Fall wäre.

Ein weiterer, meiner Meinung nach ebenso großer, Vorteil ist vielleicht nicht ganz so augenfällig. Diese Figuren sind – wie gesagt – farbig ausgestaltet, designt, mit allen Schattierungen: kleine, schöne, zweidimensionale Bilder von dreidimensionalen Figuren. Diese Spielfiguren sind eindeutig identifizierbar und machen out-of-the-box auf dem Spieltisch etwas her; man muss sie nicht anmalen, um sie zum Leben zu erwecken.

Eine Miniatur aus Plastik ist hingegen zumeist grau, jedenfalls aber einfarbig, wenn sie aus der Schachtel kommt. Wenn der Hersteller sich etwas Mühe gibt und eine Unterscheidung zwischen Helden und Monstern ermöglichen will, verwendet er verschieden farbiges Plastik, was aber den Preis in der Herstellung erhöht und zugleich die einzelnen Modelle aus der Entfernung immer noch nicht wirklich unterscheidbar oder lebendig macht. Diese Figuren wollen bemalt werden, wenn sie ihr ganzes Potenzial entfalten sollen.

Project Elite

7th Continent beinhaltete in der Kickstarter Edition, die ich erworben habe, also beides: graue Miniaturen und Papp-Aufsteller für alle Helden und die paar Monster, die im Spiel vorkommen. Da die Pappfiguren voll coloriert waren, und das auch noch zum Stil des Spiels passte, funktionierten sie einfach besser auf dem Spielfeld als die winzigen grauen Plastikfigürchen, die wirklich kaum zu unterscheiden waren.

Rising Sun

Rising Sun (von CMON) wartet mit einer ganzen Palette wunderschön gestalteter Minis auf, die zur Unterscheidung ebenfalls in farbigem Plastik hergestellt sind.

Das Spiel ist ein Brettspiel mit Workerplacement Mechanik, und es ist hier wiederum fraglich, ob nicht einfache Kuben ausgereicht hätten, um die Armeen darzustellen, die hier gegeneinander antreten. Sie sehen jedenfalls sensationell aus und die verschiedenen Plastikfarben machen eine Unterscheidung zumindest leicht.

Descent

Auch Descent – Die Reise ins Dunkel (Fantasy Fight Games) ist ein Spiel, das mit vielen Minis daherkommt. Hier wiederum erfüllen diese eine starke narrative Funktion, wie auch das Spiel sehr narrativ ist.

Die Miniaturen machen hier Sinn und helfen dabei, in die Geschichte einzutauchen.

Descent – Die Reise ins Dunkel

Vorläufig abschließende Gedanken

Letztlich ist es natürlich eine Frage des Aufwands.

Um mit Miniaturen wirklich punkten zu können, um ein Spiel wirklich glänzen zu lassen, müssen diese Miniaturen oft erst angemalt werden, sonst bleiben sie kleine Plastikmännchen, die nur unter der Lupe ihre Details verraten. Erst durch die Bemalung kommen sie wirklich zur Geltung.

Diesen Aufwand aber kann und will nicht jeder betreiben, allein schon der Zeit wegen, die man vielleicht besser zum Spielen selbst nutzen könnte.

Wer noch dazu den (nerdigen/nervigen) Anspruch hat, dass alle Figuren bemalt sein müssen, BEVOR man ein Spiel spielen kann (so wie ich), der wartet auch schon mal ein Jahr, bis er eine Neuerwerbung auch tatsächlich auf den Spieltisch bringt. Und während die eine Schachtel mit Figuren dann endlich fertig bemalt sit, haben sich drei weitere angesammelt, die ebenfalls bemalt werden wollen.

Wie sinnvoll das ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Zum Glück gibt es einige Methoden, selbst etwas schneller und effizienter zu malen – oder, wenn man sich die Arbeit ganz sparen will und die Mehrkosten nicht scheut, kann man auch malen lassen.

Aber dazu ein andermal mehr.

Middara: Espers

[1]Sculpt ist ein Ausdruck, der das ursprüngliche Modell bezeichnet, die Vorlage sozusagen, welche die Grundlage für den Fertigungsprozess der realen Modelle bildet.

[2] Intellectual Property: die eigene Marke

[3] Kickstarter ist eine US-amerikanische Crowdfunding-Plattform, über die u.a. viele Spiele finanziert werden.

[4] Unterstützer


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