Das letztes Rennen durch die postapokalyptische Eiswüste: Last Aurora!

Lese Zeit: 7 Minuten

Verlag: Pendragon Games, Ares Games u.a.; Design: Mauro Chiabotto; Grafik: Skeleton Crew / Davide Corsi

1-4 Spieler, 60-90 Minuten, ab 14 Jahre


Die nördlichen Regionen der Welt sind in Schnee und Eis versunken. Die letzten Überlebenden kämpfen sich in Konvois durchs Land in Richtung Küste, denn dort liegt ihre letzte Hoffnung vor Anker: Der Eisbrecher Last Aurora ist kurz davor nach Süden aufzubrechen, zum Äquator, dort hin, wo es noch etwas wärmer ist auf der Erde.

Und es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis auch dieses letzte Schiff aus der Bucht ausläuft und der Norden im ewigen Winter von der Landkarte verschwindet…

Na, das sind ja mal schöne Aussichten!

Das Spiel in voller Aktion!

Überleben in der Eiswüste

In Last Aurora spielt jeder Spieler einen Konvoi, der sich so schnell wie möglich durch die Eiswüste bewegen muss, um den namensgebenden Eisbrecher Last Aurora zu erreichen.

Während der Fahrt sammeln die Konvois aber nicht nur weitere Überlebende ein, die mit ihren Fähigkeiten den Trupp verstärken! Nahrung ist wichtig, um die Menschen im Zug am Leben zu halten und zum Mitmachen zu motivieren; ohne Treibstoff kommt niemand vom Fleck, das sollte man auf keinen Fall vergessen; um mehr Platz für das gesammelte Material zu haben, müssen die Fahrzeuge ausgebaut und verstärkt werden; und natürlich gibt es leidige Banditen, die die Konvois immer wieder überfallen: Munition, Kanonen und Panzerplatten sind die Mittel der Verteidigung unterwegs.

Und nebenbei ist die Gegend auch noch verseucht (wahrscheinlich radioaktiv, aber so genau weiß das keiner), und wenn man nicht aufpasst, sterben die Überlebenden an Kontamination, bevor sie die Aurora erreichen! Phu!

Postapokalyptisches Brettspiel

Im Kern ist Last Aurora ein Worker Placement Spiel, in dem es immer darum geht, von den knappen Ressourcen die richtigen einzusammeln und den Konvoi (das eigene Spielfeld) dahingehend zu optimieren, dass er möglichst schnell und unbeschadet durch das Rennen kommt.

Nicht nur gute Dinge zeihen auf der Explorationsleiste an uns vorüber…

Dabei gibt es keinen idealen Weg: Alles zur Verfügung Stehende ist nicht nur knapp und zum Teil schwer zu erreichen, die Landschaft zieht während der Fahrt am Konvoi vorüber, und nicht alles und jeden, der oder das am Wegesrand liegt, kann man bei dem Tempo auch mitnehmen.

Auf dem zentralen Spielbrett wird der Fortschritt der Konvois in linearer Weise dargestellt, mit Boni und Hindernissen, die zufällig verteilt an gewissen Wegpunkten auf die Vorbeifahrenden warten.

Unterhalb des Spielbretts befindet sich das Herz des Spiels: die Explorationsleiste:

Hier werden die Erkundungskarten ausgelegt, mit denen die Spieler dann mithilfe ihrer Crews interagieren können. Je nach Skillwert (das ist die Zahl über der jeweiligen Spalte zwischen 1 und 3) kann ein Spieler seine Überlebenden einsetzen, um neue Teammitglieder aufzusammeln, Ressourcen zu plündern, den Konvoi mit Anhängern oder Dachaufbauten zu verstärken oder mit dubiosen Händlern Geschäfte zu machen.

Ist die im eigenen Spielzug gewählte Erkundungskarte abgehandelt, wandert sie je nach Art entweder in den Spielerbereich, wo sich der Konvoi des Spielers ständig erweitert, oder sie wird abgelegt. Die leere Stelle wird aufgefüllt, indem alle Karten links davon nachgerückt werden, und die letzte, nun leere Stelle vom Nachziehstapel aufgefüllt wird.

Am Ende der Runde wird der Großteil dieser Karten (je nach Spieleranzahl) abgelegt, die verbleibenden Karten nach links gerückt und der Rest komplett frisch aufgefüllt.

Dieses System ständig neue Karten durch zu tauschen erzeugt sehr effektiv den Eindruck, die Landschaft würde während der Fahrt an den Konvois vorüberziehen: Ständig kommen neue Karten (die mit der Zeit auch immer etwas stärker werden), und die Entscheidung, welche Begegnung man als Spieler in seinem Zug abhandelt, ist immer interessant will gut überlegt sein. Zugleich ist keine Wahl je vollkommen befriedigend – was für eine perfekte Mischung!

Verschiedenste Karten geben uns neue Ressourcen.

Die Überlebenden

Neue Teammitglieder verstärken die Crew, sie können ab der folgenden Runde mitanpacken: Ihr Skillwert links oben gibt an, in welchen Spalten sie eingesetzt werden können.

Haben Überlebende eine Aufgabe erfüllt, werden sie erschöpft und kommen in die Exhausted („erschöpft“) Zone: Sie stehen dann erst im übernächsten Zug wieder zur Verfügung, sie müssen sich nämlich ausruhen. – Außer, wir versorgen sie mit Lebensmitteln, dann sind sie nicht mehr erschöpft, sondern rasten sich gleich aus (und kommen statt dessen in die Rest Zone – „Rastzone“).

In der Rastphase rücken Figuren aus der Exhausted Zone in die Rest Zone auf und die aus der Rest Zone in die Active Zone.

verschiedene Überlebende können dem eigenen Team hinzugefügt werden

Das System ist simpel, elegant und funktioniert auch thematisch perfekt: erschöpft – ausgeruht – aktiv: ein Genuss.

Der Konvoi

Der Konvoi eines jeden Spielers besteht zu Beginn aus einem Truck und einem einzelnen Anhänger, im Lauf des Spiels kann er um weitere Anhänger und um diverse Dachaufbauten erweitert werden. Die Felder auf den Fahrzeugkarten bieten Platz für die gesammelten Ressourcen – auch für die Überlebenden, die hier auch nochmal als Meeples dargestellt werden: Jede Überlebendenkarte kommt mit einer Figur, die Platz wegnimmt – und Platz ist im Konvoi immer Mangelware!

Die zur Verfügung stehende Panzerung und die Kanonen, mit denen man den Zug verstärken kann, sind wiederum nötig, weil es auch noch böse Gegner gibt: Wie es sich für ein postapokalyptisches Rennen gehört, wird natürlich auch geballert, schnell und dreckig!

Der eigene Konvoi zu Beginn des Spiels…
…und in seinem ausgebauten Zustand.

Gegner

In bester Mad Max Manier tauchen auch wilde Banden in der Explorationsleiste auf, die die Konvois auf ihrer Fahrt in Richtung Hoffnung und Sicherheit gnadenlos unter Beschuss nehmen.

Das Kampfsystem ist so einfach wie ausgeklügelt: Allein zwei Karten genügen, um den Hinterhalt der Banditen, die eigenen abgegebenen Schüsse und die Angriffe der Bösewichte darzustellen. Schaden wird mithilfe von Schadensmarkern angezeigt, die auf die Konvoi-Boxen gelegt werden und so immer wieder wertvollen Platz verbrauchen! Zum Glück kann Schaden aber auch durch Aktionen wieder repariert werden…

Auch hier ist wieder die Tiefe und Komplexität beeindruckend, mit welcher der Kampf abgehandelt wird, der zugleich einfach und schnell von statten geht. Und vor allem: Es passt auch hier thematisch wieder alles zusammen!

Im Spiel treffen wir auf verschiedene Gegner!

Rennen um Punkte

Letztlich geht es bei Last Aurora – wie bei den meisten Workerplacement Spielen – darum Punkte zu sammeln.

Sechs Runden dauert das Spiel und es kann auch gewonnen werden, wenn man das Schiff am Ende gar nicht erreicht hat: Punkte gibt es sowohl für die Platzierung auf der „Rennstrecke“, als auch für nichtkontaminierte Überlebende, für Berühmtheit (die meist in den Kämpfen zu erlangen ist) und für noch heile Fahrzeugkomponenten am Ende der Fahrt.

Gesamteindruck

Das Spiel ist durchaus auch für Einsteiger erlernbar, die Regeln sind aber doch etwas vielfältig und hier ist es sicher von Vorteil, jemanden mit etwas Brettspielerfahrung mit am Tisch zu haben.

Das Regelheft ist gut strukturiert und übersichtlich mit Beispielen auf elf Seiten zusammengefasst, ein Appendix mit Kartenerklärungen und weitere fünf Seiten für den Solo-Modus runden die Sache ab.

Dass das gesamte Spiel ohne Würfel auskommt und dennoch sogar die Gefechte spannend abgebildet werden: Wow!

Was mich aber wirklich beeindruckt bei diesem Spiel, ist die grunsätzliche Stimmigkeit. Thematisch passt einfach alles zusammen:

Auf dem Spielfeld zieht die Landschaft vorüber, und der Zeitdruck stellt den Spielern herausfordernde Aufgaben. Keine Entscheidung ist jemals perfekt, hinter der nächsten Biegung können Banditen lauern, oder doch die ersehnte Tankstelle, die vielleicht noch etwas Treibstoff übrighat.

Und das Artwork ist sensationell, vor allem, was die Konvois anbelangt: Jeder Dachaufbau, jeder Anhänger passt sich optisch perfekt in die Kolonne ein. Sie zusammenzufügen und auf dem eigenen Spielplan zu erweitern ist ein Genuss.

Solo-Spiel

Im Solo-Spiel übernimmt ein Automa[1] den Part eines Mitspielers, es wird also hier eigentlich eine 2-Mann-Partie gespielt.

Dieser Automa ist nicht ganz leicht zu erlernen und die Regeln sind nicht alle intuitiv. Es braucht hier sicher ein bis zwei Partien, bis man sie wirklich im Griff hat. Dafür ist der Automa aber auch ausreichend komplex um einen kniffligen Gegner abzugeben, der nicht leicht zu schlagen ist!

Wie im normalen Spiel auch, geht es im Solo-Modus letztlich um Siegpunkte.

Fazit

Mit eineinhalb Stunden Spielzeit bei zwei Spielern ist ein apokalyptischer Spieleabend bereits wunderbar eingeläutet. Glühwein sollte bereitstehen, denn die Spielwelt ist kalt.

Das Spiel ist (noch) nicht auf Deutsch erschienen – der Release ist 2020 wohl generell etwas unter den Tisch gefallen, wie so viele Spiele im ersten Corona-Jahr: Schade und zu Unrecht! Denn das Spiel ist auf jeden Fall einen Blick wert!

Eine deutsche Übersetzung der Regeln ist übrigens mit dem ursprünglichen Kickstarter damals veröffentlicht worden: Die findet ihr hier.

Und wer sich das Regellesen sparen möchte, oder eine Auffrischung wünscht, der kann sich mein Erklär-Video zum Spiel auf Youtube anschauen: Viel Spaß!

Außerdem gibt es ein Spiele-Video von mir, in dem ihr direkt sehen könnt, wie das Spiel dann tatsächlich läuft:



[1] Automa: ein künstlicher Mitspieler, der nach eigenen Regeln und Vorgaben eigenständig im Spiel agiert. Er wird vom Solo-Spieler nach im Regelheft angegebenen Regeln gesteuert und bedient.

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